Rezension von www.operanostalgia.be PDF Drucken E-Mail

Die folgende Rezension ist im Dezember 2012 erschienen auf www.operanostalgia.be (in Englisch)! Die deutsche Sinngemäße Übersetzung finden Sie im Anschluss an den englischen Text!

Robert H. Pflanzl
GRÜSS GOTT, HERR KAMMERSÄNGER!
Der Salzburger Heinrich Pflanzl in der Welt der Oper
284 Seiten, Böhlau Verlag, 2012

Often I derive most pleasure from reading the biographies of singers who weren’t worldstars yet somehow were as important for the opera business as the first-rank top singers. This book on Salzburg born bass Heinrich Pflanzl (1903-1978) is one of them.

Pflanzl studied at the Wiener Musikakademie. After his studies in 1929 he went to Bern and subsequently he sang in Breslau, Nurnberg, Kassel, Dresden and Berlin. He made guest appearances in Bayreuth (1951-52), all over Germany but also in Paris, Barcelona, Prague, Strassbourg, Vienna.. and had great successes as Leporello, Rocco, Beckmesser and Ochs.

From 1962 till 1973 he was a singing teacher at the Salzburger Mozarteum. His remarkable career which included around 150 (!) parts developed in the shade of the most dramatic events of the twentieth century: two world wars, the crisis of the 20-ies, the Nazi madness and the division of Germany and the Berlin Wall. This book was written by his son Robert who has been a stage director for many years and ultimately led the ‘Opernklasse’ at the Mozarteum in Salzburg. Written is perhaps the wrong word as it is not a biography in the usual sense. Pflanzl’s life has been reconstructed using the singers own diaries, letters, reviews, notes and interviews with comments and annotations by the son. I finished the book in three evenings and it should be made compulsory reading for every aspiring singer or for everyone interested in operatic history.

As a thread throughout the diary are the worries about money, getting engagements, getting certain roles, the competition (there is a certain envy towards Erich Kunz), theatre politics, the doubt, the loneliness, the intrigues, the constant problems with getting visas and the political climate in which he had to operate as a singing artist. One learns a lot about the opera trade in pre ànd post-war Germany.

The book is loaded with fascinating stories, comments and anecdotes. Some of the most interesting include Roland Hayes who studied in Vienna at the same time (1925) as Pflanzl. But also Richard Mayer who was an example, mentor and friend, Max Reinhardt who wanted to lure the young Pflanzl into the straight theatre, the murder of Trajan Grosavecu (er sang Wunderschon) in 1927, von Manowarda, Gertrude Forstel, the adoration for Chaliapine (fights for entrance tickets broke out at the Vienna State Opera’s box office), Elmendorf, Rudolf Schock, Rudolf Bing, Karl Bohm, Fritz Soot (his second teacher), the Wagner brothers, painful comments on Karajan and much more. While you get an excellent idea of how the opera world - in all of its aspects –worked under the Nazi regime Hitler or his henchmen are hardly mentioned.

Pflanzl in 1932 admits hope for the announced National Socialist revolution but a year later all that hope had already evaporated and the singer clearly distances himself from the new regime. Yet from 1933 till 1945 not one word of criticism or even on politics has been written down. So don’t expect a Victor Klemperer kind of diary for this period. It’s obvious Pflanzl realized but too well the extreme often life threatening danger in negative comments on the regime in his diaries, diaries he kept with him while travelling to his engagements. In June 1945 though from his sick-bed as a prisoner of war he cursed the regime which brought this misery over Europe.

And here comes my only caveat : in 1934 Pflanzl had married Ulli Gradenwitz –an aspiring soubrette - whose Jewish father committed suicide in 1939 most likely to protect his family from further difficulties. Yet the author remains pretty much on the surface of this part of family history to say the least and leaves the reader with more questions than answers but otherwise this is one of the best opera related books I have read this year. The book has an appendix with all the roles Pflanzl sang, a chronology of his guest appearances and a discography of four pages. An index is included. Strongly recommended.

RvdB
(im Original nachzulesen auf www.operanostalgia.be)


Es bereitet mir oft viel Freude, Biographien von Sängern zu lesen, die keine Weltstars waren, obgleich sie für die Welt der Oper genauso wichtig waren wie die Top Sänger in der ersten Reihe. Der in Salzburg geborene Bass Heinrich Pflanzl (1903-1978) um den es in diesem Buch geht, ist einer davon.

Pflanzl studierte an der Wiener Musikakademie. Nach dem Ende seines Studiums im Jahr 1929 ging er nach Bern und später sang er in Breslau, Nürnberg, Kassel, Dresden und Berlin. Er gastierte in Bayreuth (1951-52), in ganz Deutschland, aber auch in Paris, Barcelona, ​​Prag, Straßburg, Wien... und hatte große Erfolge als Leporello, Rocco, Beckmesser und Ochs.

Von 1962 bis 1973 war er Gesangslehrer am Salzburger Mozarteum. Seine bemerkenswerte Karriere, die rund 150 Rollen umfasste, entwickelte sich im Schatten der dramatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts: Zwei Weltkriege, die Krise der 20-er Jahre, der Nazi-Wahnsinn und die Teilung Deutschlands sowie die Berliner Mauer. Dieses Buch wurde von seinem Sohn Robert geschrieben, der über viele Jahre Regisseur war und schließlich die "Opernklasse" am Mozarteum in Salzburg leitete. Geschrieben ist vielleicht das falsche Wort, da es sich nicht um eine Biographie im üblichen Sinne handelt. Pflanzl‘s Leben wurde rekonstruiert aus seinen eigenen Tagebüchern, Briefen, Rezensionen, Notizen und Interviews, ergänzt mit Kommentaren und Anmerkungen durch den Sohn. Ich habe das Buch an 3 Abenden ausgelesen und es sollte für jeden angehenden Sänger eine Pflichtlektüre sein, aber auch für jeden der sich für Operngeschichte interessiert.

Wie ein roter Faden ziehen sich viele Sorgen durch die Tagebücher: Geldsorgen, Engagements um bestimmte Rollen zu bekommen, der Konkurrenzkampf (ein gewisser Neid in Richtung Erich Kunz), Theater Politik, die Zweifel, die Einsamkeit, die Intrigen, die ständigen Probleme mit dem Erhalten von Visa und das politische Klima, in dem er als singender Künstler tätig war. Man lernt eine Menge über die Arbeit an der Oper im Deutschland der Vor-und Nachkriegszeit.

Das Buch ist gefüllt mit faszinierenden Geschichten, Kommentaren und Anekdoten. Einige der interessantesten handeln von Roland Hayes, der zur gleichen Zeit wie Pflanzl (1925) in Wien studiert hat. Aber auch Richard Mayer, ein Vorbild, Mentor und Freund, Max Reinhardt, der den jungen Pflanzl geradewegs zum Theater locken wollte, der Mord an Trajan Grosavecu (er sang wunderschön) 1927, von Manowarda, Gertrude Förstel, die Verehrung für Schaljapin (es brachen an den Kassen der Wiener Staatsoper Kämpfe um die Eintrittskarten aus), Elmendorf, Rudolf Schock, Rudolf Bing, Karl Böhm, Fritz Ruß (sein zweiter Lehrer), die Wagner Brüder, schmerzhafte Kommentare zu Karajan und vieles mehr. So bekommen Sie einen guten Überblick über die Welt der Oper in all seinen Aspekten während dieses Arbeiten unter dem Nazi-Regime kaum erwähnt wird.

Pflanzl setzt im Jahr 1932 Hoffnung in die angekündigte nationalsozialistische Revolution, doch nach einem Jahr ist all diese Hoffnung bereits verdunstet und der Sänger distanziert sich von dem neuen Regime. Von 1933 bis 1945 wurde kein einziges Wort der Kritik oder gar über die Politik aufgeschrieben. Erwarten Sie also keine Art von Victor Klemperer Tagebuch für diesen Zeitraum. Es ist offensichtlich, Pflanzl realisiert nur zu gut, die extreme oft lebensbedrohliche Gefahr von negativen Kommentaren auf das Regime in seinen Tagebüchern, Tagebücher die er auf Reisen zu seinen Engagements immer bei sich hatte. Aber im Juni 1945 von seinem Krankenbett als Kriegsgefangener verfluchte er das Regime, das dieses Elend über Europa gebracht hatte.

Und hier kommt meine einzige Kritik: 1934 hatte Pflanzl Ulli Gradenwitz eine aufstrebende Soubrette geheiratet, deren jüdischer Vater im Jahr 1939 Selbstmord beging, wahrscheinlich um seine Familie vor weiteren Schwierigkeiten zu schützen. Doch der Autor berührt diesen Teil der Familiengeschichte nur sehr oberflächlich, was gelinde gesagt dem Leser mehr Fragen als Antworten hinterläßt, doch andererseits ist dies eines der besten Opernbücher die ich dieses Jahr gelesen habe. Das Buch hat im Anhang eine Auflistung mit allen von Pflanzl gesungenen Rollen, eine Chronologie seiner Gastauftritte und eine Diskographie von vier Seiten sowie einen Index. Dringend empfohlen.

RvdB